Rede zur Ausstellung Peter Foeller
Internationaler Club im Auswärtigen Amt
(25.5. bis 15.9.2003)
Klaus-Gerrit Friese
Es braucht ja eine Erklärung: warum finden wir im Auswärtigen Amt in Berlin Kunst. Die Erweiterung der der Kunst zur Verfügung stehenden Räume ist natürlich eine lange Geschichte. War die Vermittlung von Kunst in den 60er Jahren noch eine Angelegenheit von wenigen Galereien und Kunstediteuren, so wuchs bis in die 80er Jahre hinein der Kunsthandel mit einer rasanten Kulmination bis zum Ende der 80er Jahre, als Preisrekord auf Preisrekord eingefahren wurde. Dies sicher beschleunigt durch die Kunstmessen, die nun fast überall stattfanden, dies wurde sicher auch durch das beschleunigt, was man ganz allgemein als den Vorzug eines Gerhard Richter vor einem Porsche kennzeichnen könnte: Die Kunst war in gewisser Weise das repräsentative Symbol für Geschmack und Lebensstil. Heute scheint es sich gedreht zu haben: Der Porsche erlebt seine Renaissance. Bedingt wurde dies durch die symbolische Zäsur des ersten Golfkrieges, und die Frage ist, ob wir heute wieder einmal vor einer solchen Zäsur stehen. Mit ihm wurde die immer wieder gestellte Frage negativ beantwortet. Ist diue Spirale der Wertsteigerung in der Bildenden Kunst unendlich? Sie war es nicht und so stehen wir heute vor einer vergleichsweise unklaren Situation in der Bildenden Kunst. Natürlich melden Messen wahre Verkaufstriumphe, auf der anderen Seite werden die Messen abgesagt, ins Leben gerufen, verworfen und das, was über lange Jahre ein Eckpfeiler der Kultur der Kunst war, ist in Frage gestellt: viele wichtige Firmensammlungen reduzieren ihre Ankaufstätigkeit, stellen sie ein, oder spekulieren, wie jüngst die DG Bank, sogar über den möglichen Verkauf ihrer Sammlung.
Die Ausstellung von Peter Foeller hier ist kein neues Modell, kein Gegenmodell oder wie immer man versuchen könnte, sie spektakulär zu benennen. Sie ist nur etwas vollständig anderes. Sie kennt kein mühsam formuliertes: was wir mit der Ausstellung wollen. Sie entzieht sich den Diskussionen um den Zweck der Kunst. Ich gestehe, ich kann diese Diskussionen oft auch nur unter dem Aspekt des Heuchelns lesen. Hier ist die Kunst da: für ein völlig freies Publikum. Denn hier werden Menschen mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert, ohne dass sie belastend bin ich Banause, gehör ich zum Zirkel der Eingeweihten oder vielleicht doch nicht vorgeführt wird.
Dem interessierten Kunstpublikum wurden in den letzten Jahren eine Vielzahl von Möglichkeiten geöffnet, sich über die neuesten Entwicklungen der Kunst zu informieren. Eine ausführliche Berichterstattung in den Medien, eine Vielzahl von Fachzeitschriften und Katalogen ermöglichte einen besseren schnelleren und leichteren Informationsfluss und schuf auch ein neues verstärktes Interesse. Das Zeitfenster zwischen erstmaliger künstlerischer Produktion und breiter auch medialer Aufmerksamkeit verringerte sich immer dramatischer. Aktuelle junge Kunst wurde zum Zeitpunkt ihrer Entstehung und nicht erst zehn Jahre später in einer Ausstellung mit retrospektivem Charakter miterlebt.
Dies berührt den zweiten und vielleicht wichtigsten Punkt der Einzigartigkeit dieser Ausstellung. Findet man doch, wie fast in keinem Bereich des kulturellen Lebens sonst, in der sich selber so bezeichnenden Kunstszene und in ihren repräsentativen Figuren eine diffuse Mischung aus Kennerschaft, Ideologie (Stichwort Qualität) und Selbstbehauptungswillen, die sich durch eins besonders auszeichnet: die Wirksamkeit der Ausgrenzung. Selbst Werke von jungen Künstlern können sofort mit einer Aura des Wertvollen, Exklusiven und Prestigeträchtigen umgeben sein. In diesem Sinne, so schreibt Max Hollein, entfernt sich das Objekt Kunst von seinen Adressaten und soll eine neue abgehobene Stellung innerhalb des Wertesystems einnehmen. Keine Rede hiervon hier. Die Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der die Kunst hier erscheint, hat etwas Faszinierendes. Vermittlung geschieht aber ohne Begriff, sondern durch die Tat.
Peter Foeller, von Dir soll heute abend dann aber eben auch vor allem in Bezug auf deine Kunst die Rede sein. Geboren 1945 in Starnberg hat Peter Foeller nun schon seit langem zwei Lebensmittelpunkte: Berlin und Kreta. Seine Bilder entziehen sich, nicht der prätentiösen Absicht willen, sondern einer inneren Notwendigkeit folgend, den gängigen Kriterien. Jedes einzelne stellt selbst die Form einer Geschichte dar, jedes einzelne wird aber sogleich in diesem Buch in einer Dramaturgie der Abfolge vorgeführt, die das Bild als Wirkungsraum zeigt. Der stabilen Einzelheit des Bildes wird Halt und Erweiterung in dem Zusammenklang mit allen anderen gegeben. Wer schaut, der sieht das Verschiedenste, Schwebendes, Scharfes, Dingliches, Amorphes, Menschliches und Animalisches in einer Einheit.
Der Reichtum der Gestaltung der Bilder ändert die klare Ordnung unserer Sehweisen: die Linie des Horizonts, die zwischen dem Oben und Unten trennt, wird auf den Kopf gestellt. Die Bilder schachteln, montieren und überlagern Ausschnitte, reichern sie konkret mit Zitaten aus Landschaft und Architektur an oder abstrahieren sie zu Farbfeldern, die zu einer Bildmauer zusammengefügt werden. Der Wunsch nach Begehbarkeit, der sich vielleicht mit jedem Bild verbindet, er wird hier in eine Reise der Augen verwandelt, die den Zauber der Kindfrage "darf ich hier auch rein" - transportiert.
Peter Foeller ist ein Kenner der Kunstgeschichte. In Gesprächen mit ihm wird eine Orientierung und Bewußtheit deutlich, die über die blosse Informiertheit hinausgeht. Dies dient nicht dem Selbstzweck, sondern ist immer auch an die Entwicklung des Werkes gebunden. Als Bezugpunkte tauchen die Namen Piranesi, Max Ernst und Frank Stella wiederholt auf.
Mit diesen Namen wird ein Anspruch gesetzt, der auf die positive Verbindung von Collage, Poesie und Dekoration verweist. Dies korrespondiert mit der Fähigkeit Foellers zur Poetisierung der Wirklichkeit. Ein die Dinge verwandelnder und poetisierender Blick ist auch einer, der aus der Starre das Lebendige gewinnt und dieses festzuhalten sucht. Dazu gehört auch die Konzentration des unverwandten Blickens, dazu gehört dessen Dauer und die Dauer der Gestaltung. Denn die Bilder Foellers werden langsam ermalt. Sie bdürfen dessen, um in jedem Eck, in jedem Detail genau die Konzentration festzuhalten, die die ursprüngliche Bildidee und deren Wichtigkeit ausmacht.
Die Dauerhaftigkeit, die Foellers Bilder in der Form finden, ist eines der wichtigsten Kennzeichen seiner Arbeit. Dem Fließen und dem Zerstäuben, der Nähe der Menschen bei den Dingen und Gegenständen wird ein Ausdruck verliehen, der auf der Sicherheit und Klarheit der Gestaltung ruht. Eine gewichtige Rolle spielt dabei die Ästhetik der Oberfläche.
Denn der Glanz, der von seinen Bildern ausgeht, ist auch einer, der sich um des enormen Wissens um die malerischen Valeurs verdankt. Die differenziertesten Farbübergänge und Farbkontraste sind Ausdruck einer Liebe zur Eigendynamik der Malerei. Die Farbwahl und die Verschachtelung der Motive manifestieren dabei eine Gefühlswelt, die grosse Ausstrahlung und Faszinationskraft besitzt. Mit der Farbe wird zum einen eine genaue Gefühlsskala verbunden. So ist jederzeit deutlich, dass z.B. die Farbe Rot Sinnbild des Feuers ist. Aber, wie es bei Peter Foeller selbstverständlich ist, die Symbolik wird nicht eindimensional verwandt. Im Rot des Feuers werden das Bedrohende und Verheissende in eins gefasst. So kann auch die vorgebliche Kälte des Blaus zu einem Ereignis grosser emotionaler Intensität werden; so kann im tiefen Schwarz, dem Foeller eine besondere Dramatik abgewinnen kann, eine Farbigkeit aufscheinen, die manchem Maler in der plakativsten Kolorierung nicht gelingt. Die Suggestion der Farbe, ihre unmittelbare Wirkung ist folgerichtig auch eine, die in die Irre führt. Denn niemals darf man sich beim Betrachten eines Bildes von Foeller nur dem ersten Urteil anvertrauen. Vielmehr erreicht man die Klarheit und Fixierung der vielfältigen Eindrücke nur dann, wenn man sich auf die Farbtheorie Foellers einlässt, die eine Gleichzeitigkeit der verschiedensten Emotionen erlaubt, ohne eine vorgeschriebene Hierarchie der Richtigkeit der Empfindungen zu kennen.
Die zeichnerische Linie, die Foeller als Ausgangspunkt dient, wird im Bild zum Raum. Sie wird in vielfältigster Weise gebrochen, so dass fast der Eindruck von Raumvegetation entsteht. Die nun versammelten verschiedenen Räume werden einer genauen malerischen und inhaltlichen Untersuchung unterzogen. Wichtig bei dieser oben so benannten Arbeit der Verfugung ist die Beziehung auf den Mythos. Denn die bei Foeller immer wieder auftauchenden Themen wie Schiff, Kreuz, Vogel in der Gestalt des Phönix sind nicht anders als als mythische zu denken. Die Wiederholung, das Sich-im-Kreis-Drehen, das Zyklische wird von Foeller als wichtiger Teil des Lebens begriffen. Denn dem, was nicht mehr gewusst wird, aber den unverzichtbaren Anteil des Symbols bildet, zur Anschauung zu verhelfen, ist sein Anliegen. In der Wiederholung, im Symbol liegt nicht nur das Leben, sondern auch der Tod. Diese Schreckensseite des Symbols ist ja eine weitgehend verdrängte, aber dessen ungeachtet eine existierende, die in seinen Arbeiten eine schöne Aufhebung erfährt.
So verstehe ich auch die "griechischen Anteile" an Foellers Arbeit. Er hat in einer kleinen, sehr beiläufigen, aber bewegenden Notiz einmal geschrieben: "Und schliesslich ist der polare Gegensatz von Apollinischem und Dionysischem mein Element. Dass beide sich nicht feindlich ausschliessen sondern zusammen gehören und sich ergänzen, macht für mich das Positive und Hoffnungsvolle aus." Damit ist, gegenüber meinen vielleicht etwas komplizierten Ausführungen etwas ausgedrückt, was wir in seinen Bildern lesen können: der Glanz der Bilder, dem Sie sofort erliegen, ist ein Glanz, der sich dem Wissen um Malerei und dem Vermögen des gültigen künstlerischen Ausdrucks verdankt. Die für sich bleibenden Bilder Peter Foellers, und das ist unser grösstes Vergnügen, sind nun für uns alle da.